Seit 1999 schreibt Hans-Martin Gäng das Tagebuch über die Heidelberger Wanderfalken. In über 5000 Einträgen können Sie nachlesen, was seit 1999 alles passiert ist. Dort finden Sie auch viele Informationen zur Biologie des Wanderfalken und zum Verlauf der Brut und Aufzucht des Nachwuchses.
Seit 1999 schreibt Hans-Martin Gäng das Tagebuch über die Heidelberger Wanderfalken. In über 5000 Einträgen können Sie nachlesen, was seit 1999 alles passiert ist. Dort finden Sie auch viele Informationen zur Biologie des Wanderfalken und zum Verlauf der Brut und Aufzucht des Nachwuchses.
Nun freuen wir uns auf die kommende Woche
In der Mitte oder gegen Ende der kommenden 16. Kalenderwoche 2026 hoffen wir, das erste – vielleicht auch schon das zweite – Küken zu erblicken.
Bereits am 30.März habe ich hier notiert, dass sich das Küken in den letzten Tagen vor dem Schlupf in die geeignete Position im Ei dreht. Der Körper liegt schon heute im dickeren Ende der Schale, das Schnäbelchen also etwa in der Mitte am – „Äquator“- des Eies. Vor dem Schlupf durchbricht der Schnabel des Kükens die Membran zur Luftkammer und das Küken kann dann erstmals atmen. Wenn dann der Sauerstoffvorrat zu Ende geht, bewegt das Küken die Nacken- und Beinmuskeln. Es streckt sich und bewegt sich etwas. Dabei durchlöchert der “Eizahn” auf dem Oberschnabel des Kükens die Eischale mehrfach – quasi am Äquator – von innen. (Das ist selbstverständlich kein Zahn, sondern eine winzige, aber spitze Ausstülpung, – wirkt aber wie ein „Dosenöffner.“ Die kleine Spitze, die einem Zahn ähnelt, bildet sich nach dem Schlupf schnell zurück.)
Wir sehen, wenn wir Glück bei einer Drehung der brütenden LISELOTTE haben, dann eine kleine Öffnung den -„Pick!“ – (völlig falsches Wort! Das Loch wurde gedrückt, nicht gepickt.) Wir ahnen dann, dass dieses Ei bald in zwei Hälften auseinander gedrückt werden wird. Dazu muss das Küken innen weitere „Picks“ um die „Äquatorlinie“ drücken, damit sich die Schale in zwei Hälften teilt. (Wir werden dann an den Schalenresten sehen, dass die Schale an der richtigen Stelle zerteilt/aufgebrochen wurde.) Als letzter Kraftakt drückt das Küken mit Nackenmuskeln und Beinchen die spitze Schalenhälfte weg. Eine Eischale ist von außen sehr robust, von innen aber für das Küken leicht zu öffnen.
Plumps! Da liegt das kleines feuchtes Lebewesen! Es verschwindet sofort unter der wärmenden Mutter.
Nun kann das Küken erstmals die Heidelberger Luft atmen! Verpasst das Küken diesen Zeitpunkt, erstickt es. (Das habe ich im Jahr 2000 beim ersten Schlupf oben am Kasten, durch ein „Spionloch“spähend traurig miterlebt.) Vor einigen Jahren konnten wir mit Freude in einem Videomitschnitt – während einer Atzung (Fütterung) der bereits geschlüpften beiden Küken – im Hintergrund miterleben, wie das dritte Küken schlüpfte!
LISELOTTE unterstützt keineswegs diese “Flucht aus dem Ei”, beantwortet jedoch manchmal das leise Piepsen aus dem Ei mit aufmunternden “Ack-Zick”-Lauten. (Es gibt Berichte, dass bereits vor dem Schlupf Mutter und Kinder miteinander akustisch kommunizieren. Das könnte vielleicht über unsere sensiblen Mikrophone von Cam 1 und Cam 2 zu hören sein? Das feuchte, rosige und völlig erschöpft liegende Etwas wird unter der wärmenden Mutter sehr schnell getrocknet und sieht bereits nach wenigen Minuten als schneeweißes wolliges Kleinkind – na, ja! – irgendwie “süß” aus!
(Das “Kindchenschema” der Verhaltensforscher I.Eibl-Eibesfeld & K.Lorenz lässt grüßen!)
Brutwechsel am 8. April
Vermutlich dauert es noch eine Woche bis zum Schlupf des ersten Kükens.
Danke, M.H.!


Erinnerung beim Frühstück
Vor einigen Jahren erreichte mich die nahe liegende Kinderfrage, ob die Eier des Wanderfalken – „Entschuldigung, Herr Gäng!“- eventuell für uns Menschen „essbar“ wären!
Am 25. Mai 2005 konnten wir, wie 2025, ein Restei aus dem Nistkasten bergen. Wir sandten das Ei, wie damals alle aus baden-württembergischen Horsten geborgenen Resteier, über die AGW Baden-Württemberg (Fr.Schilling+) an das Pharmakologische Institut der Universität Freiburg i.Br. Dort wurde der Inhalt aufwändig auf Rückstände überprüft. (Ich erfuhr nicht, ob dieses Ei unbefruchtet war oder ob ggf. der Embryo sich nicht entwickelt hatte.)
Ich erfuhr allerdings bei der nachfolgenden Jahrestagung der AGW, dass die Messwerte dieser Resteier so hohe Rückstände an Derivaten von Pestiziden, Fungiziden etc. aus der Nahrungskette der Falken aufwiesen, dass diese Eier deshalb z.B. – ! – “ nicht zur Nahrungsaufnahme für den Menschen“ geeignet wären.
Auf die Idee, aus Wanderfalkeneier z.B. ein Omelett zu machen, kommt wohl niemand, denkt man.
Von wegen!
Der Naturforscher Charles Darwin (1809-1882), dem wir u.a. die Erkenntnisse zur Evolution verdanken, gehörte als junger Mann in London einem elitären Club junger Männer an, die sich das Ziel gesetzt hatten, jedes Tier einmal auf dem Teller zur Mahlzeit gehabt und verspeist zu haben. (Solche Ideen gibt es wohl nur in England! In Kreisen, in denen man nicht gezwungen ist für seinen Lebensunterhalt einen Beruf zu haben. Darwin lebte vom Vermögen seines Vaters.)
Irgendwo in Darwins Aufzeichnungen kann man lesen, es hätte „Eule“ zum Diner im Club gegeben.)
Wann sehen wir das erste Küken?
Auf den ersten Schlupf warten jedes Jahr unsere Besucher. Anfragen erreichen mich auch in diesem Jahr. Trotz unserer, nun 26 Jahre zurück reichenden Statistiken, bin ich dieses Jahr besonders neugierig.
Die Fachbücher schreiben, die Brut beginne erst nach der Ablage des zweitletzten Eies, also etwa am 9. März 2026. Wir haben aber in diesem Jahr beobachtet, dass LISELOTTE bereits nach der Ablage des ersten Eies am 6. März „fest saß“, es sah für uns (!) aus, als würde sie bereits brüten.
Ein Blick in unsere Datensammlung (DANK an E.S.!) zeigt, dass der erste Schlupf hier 38 bis 40 Tage nach der Ablage des ersten Eies erfolgte. Das wäre 2026 also etwa Mitte April in KW 16!
Wir sind gespannt!
Heute ist der 25. Tag nach Ablage des ersten Eies in einer Brutzeit, die in diesem Jahr in ziemlicher Kälte stattfand. Ich zitiere aus meinen Tagebucheinträgen der Vorjahre:
„In den Eiern haben sich die befruchteten Eizellen längst zu Embryonen verwandelt. Der Nachwuchs ist inzwischen fast ausgereift und nahezu vollständig entwickelt!
Nun dreht sich der Embryo bald in die richtige Position, um die Eischale demnächst zu sprengen. Ein recht komplizierter Ablauf!

Etwa um den 26. Tag der Brutzeit wird der Embryo den Kopf nach rechts unten unter den rechten Flügelstummel drehen, so dass der Schnabel in Richtung der Luftkammer zeigt. (Die Luftkammer kennen wir aus dem hart gekochten Hühnerei.) Der Schnabel drückt so bereits dann gegen die Membran, die den Embryo noch von der Luftkammer trennt. So bewegt sich der Embryo allmählich in die Schlupfposition:
Der große Kopf wird am stumpfen Ende des Eies liegen und die Beine können sich in Richtung spitzes Ende strecken. (Dazu fehlt ihnen jetzt noch die Kraft.) Läge der Kopf im spitzen Ende des Eies, könnte der “Eizahn” auf dem Oberschnabel die Schale nicht am “Äquator” öffnen. In den letzten Tagen vor dem Schlupf ruht das Küken und sammelt seine Kräfte im Nackenmuskel, der die Schalenhälften beim Schlupf auseinander drücken muss. Seine Nahrung, die ihm im Dottersack mitgegeben wurde, hat der Embryo bereits nahezu aufgebraucht, der Kalk für seine zarten Knöchelchen kam aus der Eischale, die nun allmählich dünner geworden ist.
(Wir Älteren erinnern uns an die 196o-er/1970-er Jahre, als Pestizide in der Nahrungskette der Greifvögel deren Eischalen so dünn werden ließ, dass diese unter dem Gewicht der brütenden Eltern zerbrachen.)“
Das übliche Tagesgeschehen: Brutwechsel
Wie sich die Bilder gleichen!
Ich sinniere: Die beiden sind doch inzwischen ein erfahrenes Paar, kennen einander, kennen das Territorium. Eigentlich sollten sie, wie ihre Vorgänger, doch längs ein Vierergelege zustande bringen … Ich stoppe meine Gedanken: Natur richtet sich nicht nach menschlichen Vermutungen und Wünschen.
Danke, M.H.!

Brutwechsel mit Beuteübergabe
Danke, M.H.!

Einiges zum Ei
Die befruchtete Eizelle in eine Schalenhülle zu verpacken und außerhalb des Körpers der Mutter zu einem neuen Lebewesen zu formen, hat sich schon lange vor der Entstehung der Säugetiere bewährt. Das gab es schon bei den Sauriern. Die vollkommene Form eines Eies sorgt dafür, dass dieses zarte Gebilde – nur etwa 0,4 mm ist die Schale eines Wanderfalkenei dick – nicht unter dem Gewicht von LISELOTTE (etwa 900 g schwer, RUPERT etwa 700 g) zerbricht! Druck von außen hält die Schale gut stand. |
| Wohl aber kann – 2026 Mitte der Woche 16! – das zarte Schnäbelchen der Küken die Schale von innen öffnen! Atmungsaktiv wie unsere Anoraks oder Sportkleidung ist die Schale, Wasserdampf und Wärme werden hindurch gelassen, aber Bakterien bleibt der Weg nach innen versperrt! Die Schale besteht aus einer Lage von Calzitkristallen, die von etwa 7 500 Poren durchzogen ist, durch die der Gasaustausch (Sauerstoff rein- Kohlendioxyd raus) erfolgt. Nun wird diese Kalkschicht vom heran wachsenden Küken schon bald ausgedünnt, es braucht das Calcium für den Knochenaufbau. Wie LISELOTTE die braun-rote Färbung der Eischale bereits in der Schalendrüse ihres Eileiters aus der Kombination zweier Pigmente (Protophyrin und Biliverdin), die dem roten Blutfarbstoff Hämoglobin verwandt sind, erzeugte, ist erstaunlich. Wie alle Eier der Wildvögel dient die Färbung der Anpassung an den Untergrund. (Vögel, die in Kolonien brüten, Pinguine z.B., erkennen ihr Ei an der individuellen Musterung wieder.) Das Spektrum der Farbe der Wanderfalkeneier reicht von gelblich-ocker bis rot-braun. Es gibt auch innerhalb des Geleges leichte Farbunterschiede: In diesem Jahr erscheinen mir die Eier wieder etwa gleich gefärbt. |
Ablösung
LISELOTTE fliegt ab, RUPERT bleibt.
Danke, M.H.!

Steinchen ziehen
eine häufige Beobachtung bei brütenden Falken.
Danke, M.H.!

Ein miteinander gut vertrautes Paar
Danke S.F.!
Hier ist sehr gut das „Einrütteln“ von LISELOTTE zu beobachten: Das sorgfältige „Einfädeln“ ihrer Fänge unter die Eier, damit die Brutflecken ihres Bauchs engen Kontakt mit dem Gelege aufnehmen.
LISELOTTE will keine Ablösung
RUPERT wartet geduldig.
Danke, J.B.!

LISELOTTE kommt zurück
Wird sie ein viertes Ei legen?
Danke, D.B.!

Nichts zu lesen, nur schauen!
Ab Dienstag, 28. April , bin ich für einige Tage nicht in Heidelberg. „Gängs Tagebuch“ und das „Gästebuch“ kann ich während meiner Abwesenheit nicht bearbeiten.
Pelzdunen

Als die beiden ersten Küken vor 16 Tagen schlüpften, waren diese beiden blütenweiß. Inzwischen ist das Trio nicht etwa schmutzig, sondern die Küken tragen bereits ihr zweites Federkleid!
Es sind die grauen PELZDUNEN, welche die drei Küken wärmen.

Die Oberhaut der Vögel ist von unserer Haut völlig verschieden, sie erinnert uns an deren Abstammung von den Saurieren. Bei uns Menschen wird die Hornsubstanz der Oberhautzellen, das Keratin, fortlaufend abgestoßen und von innen erneuert. Als Schuppen auf unseren Schultern, als Hornhaut an unserer Fußsohle und Handinnenflächen, als Haare und Finger- und Zehennägel werden diese abgestorbenen Zellen von nachwachsenden lebenden Zellen verdrängt und als tote Substanz nach außen geschoben.
Die Oberhaut der Vögel bildet Federn aus. Bei der Vogelfeder wird zunächst im Schutz einer Hornhülle (Blutkiel) ein kompliziert eingerolltes „Gebäude“ gebildet, das sich dann zu einer verhornten und hochspezialisierten Federfahne entfaltet,wenn diese Hornscheide aufsplittert. Denn jede Feder dient, je nach ihrer Lage am Falkenkörper, ganz bestimmten Zwecken und wird erst nach der Mauser völlig erneuert! Die harten Armschwingen von LISELOTTE und RUPERT unterscheiden sich völlig von ihrem weichen Bauchgefieder.
Bei den drei 2026- Küken formen sich diese „Federorgane“ nun aus. Blutkiele, weil sie bei Verletzung leicht bluten, heißen die bläulich glänzenden Hornscheiden der Zapfen, die nun am Stoß und an den Flügeln bald sichtbar werden. Bald werden diese Hornzapfen an der Spitze eintrocknen und es erscheint die zunächst noch eingerollte Federfahne, die sich allmählich zur Fläche entrollt. Dabei wird die Pelzdune aus ihrer Hauttasche ausgeschoben.
Das „niedliche“ Aussehen der drei Küken ändert sich nun rasch und sie werden uns bald nicht mehr so „gefallen“ wie bisher. Vor allem ihre tierischen „Tischsitten“ und ihr „Benehmen“ wird uns gar nicht gefallen!
Auch 2026 bewundern wir die schnelle Entwicklung, nicht wahr?
Erneut ein Halsbandsittich als Beute
Ein Beispiel, wie Beutegreifer auf eine besondere Gelegenheit aufmerksam werden und diese mit Erfolg nutzen. Wie bereits hier erwähnt, gibt es in Heidelberg eine große Zahl Halsbandsittiche.
Danke, M.H.!

Wissen Besucher von Heidelberg, dass hier Wanderfalken leben?
Im Foyer des Rathauses am Marktplatz, mit Blick auf den Kirchturm, steht seit 25 Jahren ein Podest mit Monitor, auf dem das aktuelle Geschehen in der Turmspitze zu sehen ist. Darunter sind aktuelle Daten nachzulesen, also Eiablage, Schlupf, Beringung, Namen und allgemeine Informationen. Die farbige Urkunde zeigt, dass wir mehrfach in der „UN-Dekade Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet wurden. Weil neben dem Podest ein räumliches Modell der Heidelberger Altstadt zu sehen ist, versammeln sich hier viele Touristengruppen. Außerhalb der Balz-und Brutsaison läuft auf dem Monitor während der Öffnungszeiten des Rathauses eine ausführliche Bilderschau über Wanderfalken als Endlosband.
Dass man durch das Fenster daneben hinüber auf Kirche und Turm schauen kann, ist praktisch, führt aber manchmal zu Kopfschütteln: „So ein Quatsch! Das sind doch keine Wanderfalken, das sind Turmfalken, wenn sie da drüben im Turm leben!“
Herzlichen Dank an den Falkenpaten Benjamin Pf. und seine Helfer im „Amt für Digitales und Informationsverarbeitung der Stadtverwaltung,“ die diesen Monitor betreuen.

Wärmepyramide oben, Sonnenbrillen unten
Am 23. April, um 11 Uhr über den Marktplatz: Noch sind keine neuen Schmeiss-Flecken am Kasteneingang zu sehen.
Für unsere neuen Gäste:
Schmeiss ist der weiße Kot der Falken. Wenn sich demnächst die Jungfalken außen auf der Anflugstange aufhalten, werden sie sich wenden um sich zu entleeren. Das hinterlässt Spuren.

Warme Sonne, aber kalter Wind
Auch wir haben heute Nachmittag, trotz der strahlenden Sonne, vorzeitig den Balkon verlassen, der Wind ist uns zu kalt.
Das Trio im Falkenzimmer der Turmspitze ist inzwischen in einem Alter, in dem die Küken nicht mehr rund um die Uhr von den Eltern gehudert und betreut werden. So sehen wir heute, wie jedes Jahr, die Wärmepyramide!
Die Küken stellen sie sich zu einer Pyramide zusammen und schützen so sie ihre kälteempfindlichen Vorderseiten. Der Flaum auf ihren Rücken schützt sie einigermaßen vor dem kalten Wind. Wird es später am Nachmittag dort oben warm, so liegen sie zwar dicht beisammen, dann aber flach wie ein weißer Fladen.


