Seit 1999 schreibt Hans-Martin Gäng das Tagebuch über die Heidelberger Wanderfalken. In über 5000 Einträgen können Sie nachlesen, was seit 1999 alles passiert ist. Dort finden Sie auch viele Informationen zur Biologie des Wanderfalken und zum Verlauf der Brut und Aufzucht des Nachwuchses.
Seit 1999 schreibt Hans-Martin Gäng das Tagebuch über die Heidelberger Wanderfalken. In über 5000 Einträgen können Sie nachlesen, was seit 1999 alles passiert ist. Dort finden Sie auch viele Informationen zur Biologie des Wanderfalken und zum Verlauf der Brut und Aufzucht des Nachwuchses.
ZEPHYR sucht nach Resten
Danke, Coriena!
Am Morgen
Als ich heute gegen 9 Uhr im Foyer des Rathauses die Kurzinformation am Monitorpodest erneuerte, schaute ich auch hoch zum Turm. Zwei Jungfalken standen auf der Schwelle, ein Altfalke darüber auf dem nördlichen Arm des Turmkreuzes . Dass jetzt, gegen Ende der Aufzuchtzeit, fast immer ein Elternteil am Turm oder außen auf der Anflugstange wacht, ist neu.
Vermutlich hängt es mit der wachsenden Zahl der Nilgänse in der Stadt zusammen, die überall zu beobachten sind. Auch in diesem Jahr haben wir Meldungen Nilgansbruten an unterschiedlichsten Orten. Die Nachbarn, von den Rufen der Gänse geweckt, wundern sich oft, dass Nilgänse hoch oben auf Dächern brüten. Auch 2018 haben Nilgänse Turmfalken aus ihren Nistkästen vertrieben, deren Eingänge wir noch nicht auf enge 10 cm -!- verkleinert hatten. In den letzten drei Jahren staunten wir oft über das Geschick der großen Nilgänse, sich auch in kleine und enge Nistkästen zu zwängen um ihren Nachwuchs aufzuziehen. Oft weit vom Neckar entfernt. Dass diese Küken, wenn sie sich schließlich unter Aufsicht ihrer Eltern aus dem Nistkasten stürzen, kaum eine Chance haben lebend das Neckarufer zu erreichen, ist traurig.
Wie so oft: Es ist fatal und zu verbieten, dass Menschen leichtfertig „Exoten“ – Lebewesen, die nicht in Mitteleuropa heimisch sind – in Gefangenschaft, zum Vergnügen, als Hobby halten. Denn immer wieder flüchten diese aus der Gefangenschaft, werden bald aus Überdruß ausgesetzt und verbreiten sich. So leiden dann Tier und Mensch. Halsbandsittiche, auch in Heidelberg in großer Zahl lebend, bauen gern ihre Nisthöhlen in gedämmte Hausfassaden und bringen die Bewohner mit ihrem Geschrei zur Verzweiflung.
Der Nachwuchs sieht anders aus als die Eltern
Wieso haben die Federn der Küken eine andere Farbe? ZEPHYR und PALATINA zeigen – von oben betrachtet – ein blau-graues Alterskleid. ANNETTE, KRYSTYNA, CORIENA und ISABELLA zeigen uns nun braune Federn! Ihre Dunen sind zum größten Teil verschwunden und aus den Federkeimen sprießen nun die eigentlichen Federn, mit denen sie bald davon flattern werden. So verändert sich nun von Tag zu Tag ihr Aussehen. Das “Kindliche” ihrer Erscheinung verschwindet und sie ähneln nun immer mehr ihren Eltern. Das Kopfgefieder zeigt bereits den charakteristischen Backenstreif. Aber noch für lange Monate werden sie ein braunes Jugendkleid tragen, ihre Brust wird noch etwa ein Jahr längs gefleckt bleiben, bis sie im Alterskleid auf ihrer weißen Brust quer “gesperbert” aussehen werden. Das ist eine Art “Welpenschutz”, damit sie bei ihren dann beginnenden Wanderungen nicht sofort von erwachsenen Wanderfalken angegriffen werden.
Nun heißt es: Flügel trainieren!
Danke, Coriena!
Vor 48 Jahren: Wunsch erfüllt
Im Frühjahr 1970 überließ mir die Zoologische Gesellschaft von 1858, Frankfurt ein NICKEL-Spektiv, 60-fache Vergrößerung mit Stativ, damit wir den zweitletzten Wanderfalkenhorst des Nordschwarzwalds gegen die seit Jahren erfolgende illegale Aushorstung der Küken rund um die Uhr bewachen konnten. Forstverwaltung, Waldarbeiter und Jäger unterstützten uns bei dieser Bewachung und ein gutes Spektiv half gegen die Langeweile. Prof. Grzimek, Zoodirektor und Leiter der Gesellschaft, in dessen Kuratorium damals auch der Außenminister Willy Brandt saß, freute sich über mein Dankschreiben und meine nachfolgende Erfolgsberichte. Auf seinem privaten Briefpapier stempelte er unter seine Unterschrift dann jedesmal: „Cetero censeo progenium hominum esse deminuendam“, also etwa: “ Im übrigen bin ich der Meinung, das Anwachsen der Menschheit (Nachkommenschaft) muss vermindert werden!“ (Nach einem Zitat von Cato aus der römischen Antike).
Das passte – aus meiner damaligen Sicht – gar nicht zur sanften, ruhigen Stimme Grzimeks, wenn er, an einem Schreibtisch im Studio sitzend, in seiner beliebten TV-Sendung „Ein Platz für Tiere“ um Spenden bat. Wer erinnert sich noch daran?
Jedesmal hatte er ein anderes Tier aus dem Zoo dabei, – keineswegs immer nur harmlose Kuscheltiere! – , das auf dem Schreibtisch saß oder ihm um die Beine strich. Gespannt lauerten wir Zuschauer, ob eines Tages ihm dabei ein Ohr abgebissen würde oder auf den Tisch gepinkelt würde. Nein, gelassen und eindringlich warb er für den Artenschutz und lehrte uns Respekt vor der Natur zu haben.

„Die Küken bekommen ja gar nichts zu trinken!“
Damit werde ich gelegentlich mit einem etwas vorwurfsvollen Blick konfrontiert, als sollte ich jeden Tag ein Schälchen Wasser in den Nistkasten stellen. Aber auch in den hohen Felswänden, in denen Wanderfalken meist brüten, gibt es kein Wasser und die Falken nutzen dort nur ganz trockene Nistplätze.
Ja, das QUARTETT auf Heiliggeist hat noch nie getrunken!
Sie nehmen Flüssigkeit, die sie zum Wachstum und zur Entwicklung benötigen, aus der gelieferten Nahrung. Ihr Harn , den sie mit ihrem weißen Kot ausscheiden – na, eher im hohen Bogen ausspritzen! (s. Nistkasten-Innenwände) – ist deshalb sehr konzentriert. Er besteht vor allem aus Harnsäure, wenig Harnstoff und etwa 20% Ammoniak. Neue Besucher/-innen hier haben bestimmt erstaunt beobachtet, dass bereits die kleinen Küken Vogelbeine komplett verschlungen haben. (Vögel haben ja keine Zähne zum Kauen.) Nach einigen Stunden – bis zu 24 Stunden später – würgen die Greifvögel und Eulen dann unverdauliche Federn und Knochen als zusammen geballten Klumpen, Gewölle genannt, wieder hervor.
Erwachsene Wanderfalken baden täglich und sichtbar mit Wohlgefallen irgendwo an einer abgelegenen Stelle, an denen sie sich sicher fühlen. Sie kommen ja nur sehr selten auf den Boden und halten sich auf hoch gelegenen Warten auf, z.B. Bäume links und rechts des Neckartals oder Turmspitzen.
Vor 47 Jahren
stand der Wanderfalke noch auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Das Magazin der DIE ZEIT musste sich für ihre Titelgeschichte für die Ausgabe vom 1. Oktober 1971 aus dem Senckenberg-Museum, Frankfurt einen ausgestopften Wanderfalken leihen, weil es wohl zu wenige aktuelle Fotos von wild lebenden Wanderfalken gab. Seinerzeit gab es in Baden-Württemberg nur noch etwa zwei Dutzend in Freiheit lebende Wanderfalkenpaare.
Als ich das heute in meinen Unterlagen fand, musste ich doch schmunzeln: Vom „Müll“ und „Schmutz“ wurde damals der Wanderfalke nicht bedroht! Er wurde bedroht durch Umweltgifte in der Nahrungskette, durch illegale Aushorstungen, durch gezielte Vergiftung seiner Beutetiere und Abschuss durch Falkenhasser.

Abendmahlzeit
Danke, loza!
Das nächste Kapitel in der Entwicklung
der Küken – ach, nein, ab heute nenne ich Euch Jungfalken! – hat heute begonnen: Das erste Fälkchen wagte den Schritt hinauf auf die Schwelle!
Danke, Annette, für das Foto!
Nachtrag 2: zum 9. Mai 2018
Wie geht das Beringen? Kurz und schmerzlos. Die Küken sitzen zunächst verdutzt und stumm unter einem leichten, schwarzen Tuch im gepolsterten (!) Körbchen. Ich entnehme sie einzeln, reiche ihre Fänge dem Beringer Dr. M. P. entgegen und achte ebenfalls darauf, dass die Ringe richtig angelegt werden. (Besucher/-innen aus den ersten Jahren erinnern sich, dass AURORA einst – wohl 1997 – von einem uns unbekannt gebliebenen Beringer – die Ringe „auf dem Kopf stehend“ aufgezogen wurden.)
Also am rechten Fang: Kennring – RUE (= ANNETTE), RUL (= CORIENA), RUG (= KRYSTYNA), RUF ( = ISABELLA), dann die Vogelwarte-Ringe links mit einer Notfall-Telefonnummer und weiteren Angaben.
Nein, die Ringe stören weder Alt noch Jung. Von den über 3 100 jungen Wanderfalken, die z. B.in Nordrhein-Westfalen bisher fachgerecht beringt wurden, verfing sich bisher nur 1 Jungfalke an einem senkrecht stehenden „Stahldorn“ einer Gerüstkonstruktion und verendete. Sonst ist mir kein Zwischenfall bekannt.
Ohne Beringung gäbe es kaum wissenschaftliche Erkenntnisse (Populationsdynamik, Alter, Gesundheit,Wanderungen, „Dynastien“) , die für das Überleben und den Schutz dieser besonderen Vogelart wichtig sind.
Danke, Dr. V.P. für die Fotos!



Nachtrag zum 9. Mai
SO sieht eine schimpfende Falkenmutter aus!
Danke, M.P.!

Aufmerksame Eltern
Seit vergangenen Mittwoch, als wir bei der Beringung nicht nur die Küken, sondern auch – erstmals – die Mutter im Nistkasten aufschreckten, sehen wir mit Freude und Zustimmung, dass PALATINA am Nachmittag misstrauisch außen auf der Anflugstange Wache hält. Oft steht sie dabei, das kennen wir aus den Vorjahren, ganz außen auf der Stange. Dann können die Küken sie nicht sehen und sie bleibt unbehelligt von Bettelgezeter. Liegen die Küken satt in den Ecken, dann steht sie draußen auch mittig.
Gruss aus Wien!
Zank und Versöhnung
Die Boygroup der diesjährigen Jungfalken zeigt uns auch im Nistkasten den typischen Kampf um die Nahrung, der in dieser Lebensphase üblich ist. Ähnliche lautstarke Szenen finden z.Zt. auf der benachbarten Jesuitenkirche zwischen den Schwestern statt.
ZEPHYR wird immer blitzschnell nach der Lieferung verschwinden, PALATINA manchmal nicht sofort loslassen, wenn sich die Jungfalken auf die Nahrung stürzen. Bald beruhigen sich die Kampfhähne/-hennen wieder und stehen oder liegen wieder friedlich beieinander.
Danke,H.S., M.H., F.S.!



„Komm! Ins Offene, Freund !“ … oder Freundin (mit Fotoapparat)
„Komm! ins Offene, Freund! Zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die GÄNG und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“
Friedrich Hölderlin, 1804
Und wie geht es den anderen ausgeflogenen Jungfalken?
Dazu kann ich z.Zt. leider nichts berichten. Wir sind hier auf Fotos und Berichte von Augenzeugen aus der Heidelberger Altstadt angewiesen. Ich vermute, dass sich die VIER bevorzugt auf dem Umlaufbalkon , den Nischen und Ecken der Turmspitze der nahen JESUITENKIRCHE , ggf. auch dem dortigen Kirchendach und auf dem Eingangsportal aufhalten. Auch das Kreuz auf dem Kapellchen der Heiliggeistkirche und das Gitter des Kapellchens waren bisher Treff- und Aufenthaltspunkte der ausgeflogenen Jungfalken. Auch ihre Bettelrufe müssten über der Altstadt gelegentlich auffallen. Ihre Flüge am Himmel sind selbstverständlich kaum zu dokumentieren, aber bestimmt zu beobachten. Inzwischen kreisen sie bestimmt schon in großer Höhe und verfolgen sich gegenseitig.
Ich kann starten. Soll ich es Euch noch einmal zeigen?
Natürlich der „Spätzünder“ APOLLO!
Danke, M.H.

PALATINA überwacht den Schlaf
von APOLLO auf der Schwelle des Nistkastens stehend.
Für unsere neuen Gäste:
Im Nistkasten ist es nachts stockdunkel. Wir blicken hier hinter PALATINA auf die Innenseite des Deckels des Nistkastens und sehen die technische Ausrüstung der automatischen Nilgans-Abwehr (Lautsprecher, Strobo-Blitzlicht etc.). Siehe Tagebuch Januar 2015! Die Cam 3 zielt von unten (Kirchendach) in den Nistkasten.)
Danke, M.H.!

PALATINA und ZEPHYR füttern auch jetzt noch im Nistkasten
und APOLLO weiß das am besten von den VIER! Die Geschwister werden wohl inzwischen auf dem Umlaufbalkon und der Turmspitze der nahen Jesuitenkirche wohnen und ernährt werden.
Danke, M,H. und C.!

